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Imam Idriz im Interview mit Bettina Schwarzer

31. Mai 2014 | Allgemein

Bettina Schwarzer: Meine erste Frage bezieht sich ganz allgemein auf Religion: Was glauben Sie, welche Stellung hat Religion, gleich ob es die christliche oder islamische Religion ist, heute für die Menschen in Bayern?

Benjamin Idriz: Also wie ich überall beobachte, ist Religion in der Welt überhaupt ein wichtiger Faktor, sei es für Wirtschaft, für Frieden, für Politik, für Integration, für soziales Leben. Religion wird in Zukunft auch noch eine größere Rolle spielen. Und weil wir auch über Bayern reden: Bayern ist im Vergleich mit anderen Bundesländern, ein stärker von Religion geprägtes Land; daher meine ich, dass in Bayern Religion auch eine gewisse Rolle spielt, spielen wird.

Wie stehen Sie dazu, dass die christliche Religion in Bayern verfassungsrechtlich verankert ist, zum Beispiel im Erziehungsgesetz, in dem es heißt, dass der Unterricht in Bayern an den Grundsätzen der christlichen Bekenntnisse orientiert sein soll?

Es ist selbstverständlich, dass wir auch, als Muslime, als muslimische Bürger in Bayern, das akzeptieren müssen, dass wir in einem christlich geprägten Land leben. Das hat mit der Geschichte zu tun. Seit hunderten Jahren ist Bayern ein christliches Land und der Islam ist im Vergleich mit dem Christentum ein neues Phänomen in Bayern. Religionsfreiheit ist natürlich für alle Menschen gemeint, egal ob sie Christen, Juden oder Muslime oder was auch immer sind. Aber in der Tat ist es so, dass das Christentum eine gewisse Autorität in diesem Land hat und der Islam ist nicht gleichermaßen akzeptiert, weder in Bayern noch in anderen Bundesländern; als Religionsgemeinschaft ist er noch nicht anerkannt. Und die Muslime verlangen jetzt von der Politik, vom Staat, dass ihre Religion, also der Islam, auch eine staatliche Anerkennung vom Staat bekommen soll, analog zu den christlichen Kirchen und auch analog zu den jüdischen Gemeinden. Aber wie gesagt, die Muslime und der Islam sind ein neues Phänomen in Deutschland und das ist ein Prozess. Weil die Verfassung, das Grundgesetz, Religionsfreiheit in unserem Land garantiert, wird mit der Zeit auch der Islam als ein Teil der Gesellschaft, als ein Teil unseres Lebens hier, akzeptiert werden. Und der Islam wird hoffentlich auch einmal staatlich anerkannt. Das zu schaffen ist im Interesse unseres ganzen Landes hier; es ist nationales Interesse, gesellschaftliches Interesse, würde ich sagen, dass der Islam hier auch anerkannt werden soll. Dann werden wir selbstverständlich mit der Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft auch Religionsunterricht und andere Rechte bekommen, aber das ist ein Prozess und das wird ein bisschen dauern.

Aber woran, glauben Sie, liegt es, dass es noch nicht soweit ist, obwohl schon seit mehreren Jahrzehnten Muslime in Deutschland leben? Woran liegt es, dass dieser Prozess solange dauert?

Weil es auf beiden Seiten kein ernsthaftes Interesse an einer Institutionalisierung des Islams in Deutschland gibt. Auf muslimischer Seite sind wir immer noch nicht in der Lage eine strukturierte gemeinsame Religionsgemeinschaft zu gründen, wo die unterschiedlichen Strömungen, unterschiedlichen Ethnien, unterschiedlichen Moscheegemeinden sich zusammenfinden und eine gemeinsame Organisation, eine gemeinsame Religionsgemeinschaft gründen. Die Religionsgemeinden, die muslimischen Moscheegemeinden, sind bisher entweder ethnisch oder auch ideologisch geprägt. Das hat mit dem Hintergrund der muslimischen Bevölkerung zu tun. Die meisten Muslime stammen ursprünglich aus der Türkei, aus dem Balkan, auch aus arabischen Ländern. Und die Muslime sind hier nicht nur mit ihren Körpern, sondern auch mit Gedanken und Seelen, die hier aber noch nicht angekommen sind. Ihre Körper sind da, aber ihre Seelen, ihre Gedanken sind woanders. Aber als viele Muslime seit Anfang der 1960er Jahre nach Deutschland kamen, haben sie auch ihre Gedanken hierher mitgebracht und dementsprechend sind die verschiedenen Strömungen auch hier organisiert. So darf es aber nicht weitergehen. Denn genau das ist ja schon das erste Hindernis, warum wir noch nicht eine anerkannte Religionsgemeinschaft geworden sind. Die Muslime sollen sich einen. Auf der anderen Seite fehlt auch ein politischer Wille hier. Die Politik muss uns helfen. Und das ist auch Aufgabe der Politik uns zu helfen. Das bedeutet nicht sich in unsere Sache einzumischen. Aber wir haben hier in Bayern, als Beispiel, einen Integrationsbeauftragten, eine Stelle oder eine Person, die zuständig ist, eine Brücke zu schlagen zwischen Muslime und dem Staat. Diese Person muss in Zukunft viel mehr daran arbeiten, die Interessen der Muslime und die Interessen des Staates auf beiden Seiten zusammenzubringen.

Ein Beispiel aus Österreich: Warum ist der Islam dort eine staatlich anerkannte Religion, obwohl die Muslime auch ähnlich wie in Deutschland organisiert sind? Weil die Politik einen Ansprechpartner brauchte: Wer ist verantwortlich für Religionsunterricht, wer ist für Erziehung der Religionslehrer und für verschiedene Sachen. Aber die Muslime konnten sich nicht einigen. Dann hat die Politik indirekt die Initiative ergriffen, weil die Politik einen Ansprechpartner brauchte. Und dann haben die Muslime das gemacht. Und jetzt sind sie glücklich. Die beiden Seiten sind jetzt glücklich. Das fehlt in Deutschland. Das fehlt in Bayern. Also wie gesagt, warum haben wir hier noch nicht diese Position, die Christen und Juden haben: weil wir uns erstens nicht einig sind, auf der anderen Seite weil die Politik immer noch nicht ihren Willen manifestiert hat. Aber in Zukunft muss die Politik sich mehr mit uns beschäftigen und die Muslime müssen mehr Interesse für Integration zeigen.

Und wie schätzen Sie die Akzeptanz in der bayrischen Gesellschaft ein?

Vielleicht würden andere muslimische Persönlichkeiten anders antworten, aber ich persönlich, und wir als Gemeinde hier in Penzberg, wir genießen eine hohe Anerkennung und hohe Akzeptanz in der breiten Bevölkerung. Wir genießen hier auch eine gewisse Autorität, weil wir von Anfang an ein starkes Interesse an Integration gezeigt haben und nicht nur Theorien darüber entwickelt haben, sondern auch in der Praxis ganz deutlich gezeigt haben, dass wir ein Teil dieser Gesellschaft sind. Wenn wir das auch sagen, nicht Teilgesellschaft, sondern wir sind die Gesellschaft, nicht ein polarisierter, ein parallelgesellschaftlicher Teil, sondern wir sind in der Gesellschaft. Wir machen mit, sodass die Islamische Gemeinde Penzberg hier vor Ort eine Anerkennung genießt wie die katholische Kirche, wie die evangelische Kirche. Und auch der Imam ist hier anerkannt wie ein Priester, wie ein Pfarrer. Im Vergleich zu anderen Städten in Bayern ist die Situation hier in Penzberg eine Ausnahme, auch in Deutschland. Wir haben erfolgreich versucht, diese Polarisierung, diese Parallelgesellschaft hier zu verhindern und ein gelungenes gesellschaftliches Zusammenleben zu schaffen. Jeder Muslim soll sich hier wohl fühlen. Jeder Bürger soll sich hier als geehrter Bürger fühlen. Daher ist der Islam hier insgesamt herzlich willkommen, in Bayern.

Die Religionsgemeinschaften, die beiden Kirchen und die jüdischen Gemeinden, und auch die Politik zeigen durchaus Interesse an einer gelungen Integration. Sie brauchen jetzt einen Ansprechpartner und die brauchen, auf muslimischer Seite, den Willen zur Integration. Inwieweit sind die Muslime bereit, sich einzumischen bzw. sich zu integrieren? Dazu können wir hier verschiedene Meinungen hören. Aber auf der anderen Seite ist eine Art von Angst und eine Phobie vor dem Islam in der Gesellschaft verbreitet, weil wir in unserer Gesellschaft, insbesondere auch hier in Bayern, auch solche extremistische Strömungen und Gruppierungen haben, die jegliche Art von Islam hier verhindern wollen. „Islam ist eine Gefahr für unsere Gesellschaft“, dieses Motto soll überall verbreitet werden. Die arbeiten mit allen Mittel, damit die Gesellschaft Angst vor Muslimen bekommt. Und das ist sehr gefährlich. Die Politik sollte sehr wachsam sein und jegliche Art von Extremismus, also auch solche Strömungen, bekämpfen. Egal woher das kommt. Von Muslimen, von Christen, von anderen Seiten. Extremismus ist eine gemeinsame Gefahr für unser Land. Der Islam ist insgesamt und die Muslime sind insgesamt, auch in Bayern, auch in Deutschland, auch in Europa nicht so herzlich aufgenommen, weil politisch in der Welt vieles schief gelaufen ist, von beiden Seiten. Und alles, was in anderen Ländern passiert, wird auch hier thematisiert. Ich als Bürger des Landes hier, ich als Muslim, der sich in Deutschland wohl fühlt, muss nicht immer die Interessen anderer Muslime in anderen Ländern hier verteidigen. Alles was in Saudi- Arabien, in Nigeria, in Somalia, in Afghanistan oder im Irak passiert, muss ich nicht verantworten. Und die Medien spielen eine große Rolle hier. Wenn die Bevölkerung Nachrichten schaut, was heute in Somalia passiert ist, bekommt sie den Eindruck, dass das auch in Deutschland passieren kann. Das ist falsch. Und wir versuchen das mit unserer Arbeit hier zu verhindern, weil uns das alles in die Irre führt, in eine Polarisierung und in einen Konflikt. Das ist eine Gefahr. Ihre Frage war, ob der Islam eine Anerkennung hier bekommt – wenn wir vernünftig arbeiten, wenn wir kooperationsbereit sind, wenn wir dialogfähig sind, wird mit der Zeit der Islam auch eine gewisse Anerkennung genießen.

Um nun auf ganz aktuelle Debatten zu sprechen zu kommen, warum, glauben Sie, obwohl die Menschen in ganz Europa über viele Jahrzehnte viel Erfahrung mit muslimischen Mitbürgern haben und die Muslime auch in vielen Gemeinden integriert sind, warum herrschen über die verschiedensten Lager der Gesellschaft hinweg so vehemente Debatten über, zum Beispiel, ein Burka-Verbot? Woran liegt das, dass islamische Symbole – Minarette, Kopftücher oder die Burka, ganz aktuell – so auf Widerstand stoßen, auch in Bayern?

Weil die Gesellschaft Angst vor dem Islam bekommen hat. Und es wird auch versucht, das zu schüren: 95, 96 Prozent der Bevölkerung soll vor vier Prozent Angst haben. Das ist unakzeptabel. Niemand fragt, ob die Minderheit, die vier Prozent – vier Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind Muslime – ob diese Minderheit von vier Prozent vor der Mehrheit Angst hat. Niemand fragt uns das. Weil ich unter den Muslimen bin, weiß ich, wie groß die Angst der Muslime ist! Aber niemand sonst nimmt das zur Kenntnis. Dieses Kleidungsstück, Kopftuch oder Burka, wird so instrumentalisiert, ist so geprägt, als ob fast jede Frau eine Burka trägt, obwohl ich in Deutschland noch nicht eine Frau mit Burka gesehen habe; abgesehen von Touristinnen aus den Golfländern beispielsweise, die hier zwei, drei Wochen bleiben, Millionen an Geld hier lassen und dann wieder zurückgehen. Aber eine Frau, die in Deutschland hier lebt, trägt keine Burka. Wenn es hier solche Fälle gibt, sind das innerhalb der muslimischen Gemeinde vielleicht 0,1 Promille. Insgesamt von 80 Millionen sind das vielleicht 10, 20 Frauen. Sollen wir über 20 Frauen jetzt debattieren und das als ein gesamtgesellschaftliches Problem, eine große Herausforderung sehen? Kann es nicht sein, das solche Debatten von anderen, eigentlichen Problemen ablenken sollen? Wird durch Burkas und durch Minarette unser Land jetzt islamisiert? Sicher nicht. In Europa ist der Islam schon seit 600 Jahren kontinuierlich präsent, in den Balkanländern. Ist Europa islamisiert? Seit 600 Jahren ist weder Europa islamisiert, noch ist der Islam europäisiert. Also, warum haben wir Muslime Angst, dass die Christen unseren Glauben überfremden werden? Das sind Verschwörungstheorien bei den Muslimen: Alle sind schlimm, alle sind schlecht, die wollen uns nicht, die mögen uns nicht, die wollen uns vertreiben. Solche Gedanken sind verbreitet bei Muslimen. Auf der anderen Seite sind es Gedanken wie: Muslime sind aggressiv, die wollen hier nur Moscheen bauen, die wollen hier mit Kopftüchern leben, die wollen uns islamisieren. Weder das eine noch das andere ist richtig. Das reale Bild ist das nicht.

Das reale Bild ist ein völlig anderes. Und daher – Ihre Frage zu islamischen Symbolen: Es muss eine Aufklärungsarbeit stattfinden. Dass ein Minarett, zum Beispiel, keine Bedrohung für eine Gesellschaft ist, wenn dieses Minarett mit einem religiösen Hintergrund gebaut ist. Ein Minarett ist kein Machtsymbol. Es ist ein Kultursymbol. Ein Minarett ist ein religiöses Symbol. Und ich als Muslim, wenn ich weiß, dass meine Nachbarn sich von meinem Minarett gestört fühlen, dann sollte ich mein Minarett nicht bauen. Ich kann auch mit einer Moschee ohne Minarett leben und eine Moschee kann auch ohne Minarett gebaut werden. Aber ich muss auch auf der anderen Seite dazu beitragen, dass sich mein Nachbar mit meinem Minarett wohl fühlen kann. Diese Angst abzubauen, ist eine große Aufgabe und wird durch Aufklärung von muslimischer Seite erbracht. Das ist unsere Aufgabe hier, die Ängste ernst zu nehmen und abzubauen, nicht zu ignorieren. Diese Ängste bestehen. Die Medien und die Politik versuchen leider oft zu provozieren und auch zu instrumentalisieren und versuchen mit allen Mitteln Angst zu schüren. Aber das ist falsch. Wir alle, jeder hier, ist gefordert, diese Irrtümer zu korrigieren und Missstände zu beseitigen.

Und warum, glauben Sie dann, wenn wir gerade bei den Minaretten waren, wird so ein islamisches Kulturelement abgelehnt, aber andere Elemente werden nicht nur toleriert, sondern sogar aufgenommen, sei es Musik, Speisen und vieles mehr?

Sehr schön, ja. Ja, ich weiß es nicht warum. Warum stört ein Minarett und ein Döner stört nicht. Es ist sogar, wenn ich es richtig gehört habe, von Deutschen dieser Spruch entwickelt worden: „Döner macht schöner“. Warum ist Döner, ist eine arabische Tanzmusik hier keine Gefahr, sondern nur ein Minarett – es ist doch genauso Kunst wie z.B. Musik! Schauen Sie, als wir hier ein Minarett gebaut haben, ganz bewusst, hier in Penzberg, haben wir überlegt, wie wir ein Minarett bauen können, mit dem wir als Muslime unsere Kultur auch repräsentieren können. Und da haben wir ein Minarett gebaut, auf das jetzt alle stolz sind. Auch wenn andere Muslime sagen: „Was ist das für ein Minarett?“. Dann sage ich: „Lieber so ein Minarett, als ein Minarett wie eine Rakete zu machen.“ Und wenn diese Raketenmodell-Minarette keine Akzeptanz in unserer Gesellschaft finden, dann müssen wir das nicht machen. Dann lassen wir das. Wir müssen immer kompromissfähig sein und die Minarette, als Beispiel, sind nicht überall in der islamischen Welt von gleicher Gestalt. Die Minarette, zum Beispiel, in Marokko, in Tunesien, Algerien sind völlig anders als in Ägypten, in Syrien. In Saudi-Arabien, in den Golfländern sind die Minarette anders als in der Türkei. Schauen Sie, eine Moschee in China ist etwas völlig anderes. Sie können kaum erkennen, dass das eine Moschee ist. Also ist der Islam flexibel und wir können je nachdem, wo wir leben, in welcher Zeit wir leben, auch interpretieren. Und die Muslime sollten auch flexibel sein, ihre Religion hier in Deutschland auch anders zu interpretieren. Und mit solchen Interpretationen des Islam können wir Ängste abbauen. Aber auf der anderen Seite ist die Religionsfreiheit, die wir in unserem Grundgesetz haben, von der Gesellschaft insgesamt noch nicht verinnerlicht. Ja, wenn ich ein Christ bin, wenn ich meine Kirche bauen darf, dann darf auch ein Muslim das machen, darf auch ein Jude seine Synagoge bauen. Das garantiert mir die Glaubensfreiheit. Weder eine Kirche, noch eine Synagoge, noch eine Moschee kann eine Gefahr sein. Auch diese häufig gehörten Argumente – „Warum ist es in islamischen Ländern nicht erlaubt Kirchen zu bauen“ – stimmen ja nicht. Wenn ein islamisches Land nicht in der Lage ist zu erlauben, eine Kirche zu bauen, ist das eine Schwäche dieses Landes. Sollen wir uns dann ausgerechnet so ein Land als Vorbild nehmen, anstatt stolz auf unser Grundgesetz zu sein, unsere Pluralität, unsere Toleranz zu zeigen! Diese Kultur der Toleranz ist notwendig in unserer Gesellschaft. Und wir Muslime sollten und müssen einen Beitrag leisten, damit wir in Zukunft eine tolerante Gesellschaft haben.

Und wenn wir jetzt auf die Religionsfreiheit, die Sie gerade auch angesprochen haben, zurückkommen: Welche Bedeutung hat heutzutage, in Zeiten von Migration und Globalisierung, für Sie die Religionsfreiheit?

Es ist ein sehr zentraler Punkt, nicht nur im Grundgesetz, sondern auch in unserem Leben. Ich kann alles geben. Wenn jemand von mir etwas verlangt, werde ich alles geben, außer meiner Freiheit. Freiheit kann ich nicht verschenken. Ich werde kämpfen um meine Freiheit. Freiheit ist das Schönste, was einen Menschen bekleiden kann. Es ist Schmuck für den Menschen. Und diese Religionsfreiheit gibt mir das. Und Religionsfreiheit darf nicht beschränkt werden. Weder die Politik, noch die Religion kann das beeinflussen. Und daher ist eine Trennung von Staat und Religion notwendig. Weil vielleicht die Politik auch Interesse haben kann, diese Religionsfreiheit zu beschränken, oder auch die Religion könnte ein Interesse haben, die Religionsfreiheit zu beschränken. Daher müssen in einem neutralen Rechtsstaat Religion und Politik getrennt voneinander sein. Und, Gott sei Dank ist in Deutschland diese Religionsfreiheit immer noch stark und wir haben wunderbare Richter hier, die zu diesen Artikeln des Grundgesetzes aufrufen. Es ist aber vor allem auch die Aufgabe der Bevölkerung diese Religionsfreiheit zu verinnerlichen.

Ist für Sie Religionsfreiheit in Bayern gegeben, wenn Innenminister Herrmann fordert, dass im Staatsdienst die Burka, auch wenn sie, wie Sie vorhin gesagt haben, nur von ganz wenigen Frauen getragen wird, wie es gerade aktuelle Debatte ist, verboten wird? Geht das mit der Religionsfreiheit einher?

Je nachdem wie wir Burka interpretieren. Wenn Burka eine religiöse Pflicht ist, dann kann kein Politiker verlangen, die Burka zu verbieten, weil es eine religiöse Pflicht ist. Daher müssen wir erst eine Definition von Burka machen. Was ist Burka? Ist es ein religiöses Symbol, ist es eine religiöse Pflicht, oder nicht? Nach meinem Islamverständnis als Theologe ist Burka weder eine religiöse Pflicht, noch ein religiöses Symbol. Burka ist etwas, das gegen die Menschlichkeit, die individuelle Persönlichkeit, gerichtet ist. Der Islam verlangt keine totale Verschleierung.

Und wie ist es mit dem Kopftuch?

Kopftuch ist etwas anderes. Aber wir reden jetzt von der Burka. Ich bin gegen die Burka und der Islam ist auch gegen die Burka. Und es gibt keine Stelle im Koran, noch im prophetischen Leben; die höchste Instanz in der Religion ist der Koran und der Prophet Mohammed. Weder der Koran, noch der Prophet Mohammed haben von Frauen eine totale Verschleierung verlangt. Daher ist die Burka völlig irrational, unislamisch und hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern das hat mit Traditionen bestimmter Länder zu tun, aber nicht mit dem Islam. Weil, schauen Sie, diejenigen die die Burka tragen, sind auch in der islamischen Welt nicht mehr als zehn Prozent. Wir haben als das größte muslimische Land in der Welt Indonesien. Dort gibt es zweihundert Millionen Muslime. Dann gehen wir weiter Malaysia und andere asiatische Länder. Fünfzig Millionen Muslime in Europa und in Russland. Und weiter in die Türkei. Im Nahen Osten, Syrien, Libanon. Die Burka ist selten, ist ein Ausnahmefall. Alleine das ist ein Zeichen, dass es gar nichts mit dem Islam zu tun hat. Dass der Islam das nicht von den Frauen verlangt, sonst würden alle Frauen das tragen. Mein Verständnis von Islam sagt, dass Burka nicht islamisch ist und daher hat das nichts mit der Religionsfreiheit zu tun. Und wenn ein Minister das verlangt, gebe ich ihm Recht. Ich gebe ihm Recht, wenn er das in bestimmten Bereichen verbietet.

Im Staatsdienst?

Das ist völlig akzeptabel.

Und in der Öffentlichkeit? Wenn ein Politiker, wie zum Beispiel Frau Koch-Mehrin, für ganz Deutschland ein Burka-Verbot einfordert, wie es zum Beispiel in Belgien oder Frankreich, die Parlamente zumindest, schon einmal beschlossen haben?

Also, wenn eine Frau, auch wenn das aus meiner Sicht nicht stimmt, davon überzeugt ist, dass es ihre islamische Pflicht wäre oder das einfach aus ihrer eigenen religiösen Überzeugung so glaubt, dann wäre das ein Eingriff in die Religionsfreiheit. Daher ist das im wirklichen Leben sehr schwer zu verbieten, aber im Staatsdienst ist es wohl ganz normal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem Ministerium oder in der Stadt München, zum Beispiel, in einem Referat, einem Sozialreferat, einem Planungsreferat eine Frau mit Burka arbeitet – das kann sich doch kein Mensch vorstellen. Nur: Wenn es keine einzige Frau in Bayern gibt, die Burka trägt und in einer staatlichen Behörde arbeitet, warum thematisiert man dann etwas, das es überhaupt nicht gibt. Das ist doch Ironie. Stellen Sie sich vor, in Bayern wird ein Volksentscheid, ein Referendum über ein Rauchverbot gemacht und im Land gibt es keine einzige Zigarette. Das ist komisch, nicht? Steckt da nicht doch eine ganz andere Absicht dahinter? Aber wenn ein solches Gesetz kommt, es im staatlichen Dienst zu verbieten, dann würde der Islam das akzeptieren.

Abschließend noch zwei, drei kurze Fragen: Wenn wir die Religionsfreiheit anschauen, dann verbinde ich mit ihr zum einen die freie Religionsausübung und die freie Entscheidung zur Religion, gleichzeitig aber die Neutralität des Staates und auch die Gleichheit zwischen den Religionen. Und jetzt frag ich mich, wenn der bayrische Staat gesetzlich verankert, dass Kruzifixe oder Kreuze in bayrischen Klassenzimmern hängen sollen, aber einer muslimischen Lehrerin verboten wird, ein Kopftuch im Unterricht zu tragen, wird hier die Gleichheit, die die Religionsfreiheit eigentlich mit sich bringt, durch den bayrischen Staat gewährleistet?

Ein Kreuz ist ein religiöses Symbol und dieses religiöse Symbol stört die Muslime nicht. Ich habe noch nie von einem muslimischen Kind, zum Beispiel von meinem Sohn, der seit Jahren zur Schule geht, eine Klage gehört. Habe ich nie gehört. Das stört nicht. Und es ist auch gut, wenn ein religiöses Symbol gepflegt wird. Aber eine diskriminierende Art von Religionsfreiheit, ist nicht Religionsfreiheit. Ein christliches Symbol wird akzeptiert, aber ein muslimisches Symbol wird nicht akzeptiert. Das ist eine Doppelmoral, die nicht mit der Religionsfreiheit vereinbar ist. Ein Kopftuch, nicht Burka, sondern Kopftuch ist auch kein religiöses Symbol und schon gar kein politisches Symbol. Es wird leider so interpretiert, auch von Seiten der Politiker, weil hinter den Politikern oft Beamte stehen, die leider mit vielen Vorurteilen aufgewachsen sind und Vorurteile gegen den Islam haben. Schauen Sie, wenn ein Minister ein Kopftuch in Schulen von Lehrerinnen verbietet, sagt er nicht, dass das Kopftuch ein religiöses Symbol ist. Das kann er nicht sagen, weil das gegen das Grundgesetz wäre. Er sagt, es sei ein politisches Symbol. Politische Symbole dürfen in der Schule nicht präsent sein. Gibt es ein CSU- oder SPD Logo in der Schule? Nein, gibt es nicht, weil es ein politisches Symbol ist. Und dann wird aber ein Kopftuch mit einem solchen politischen Symbol verglichen. Das ist doch falsch. Ich schreibe jetzt gerade an einem Buch und schreibe dabei auch über das Kopftuch. Ich interpretiere das Kopftuch völlig anders, auch als es bei den Muslimen allgemein verstanden wird. Ich sage kurzum, dass das Kopftuch kein politisches Symbol ist, dass es auch kein religiöses Symbol ist, denn wenn der Islam verlangt ein solches religiöses Symbol zu tragen, sollte er auch von Männern verlangen so etwas zu tragen. Dann müsste ich auch ein Kopftuch tragen.

Wenn es im Islam Gleichberechtigung gibt, wie wir oft mit Stolz auf den Islam sagen. Ich sage, das Kopftuch ist weder ein religiöses Symbol noch ein politisches Symbol. Es kann kein politisches Symbol sein. Kopftuch ist etwas anderes. Es ist ein langes Thema über das ich geschrieben habe. Das Buch wird im Oktober veröffentlicht. Aber, viele Frauen sind davon überzeugt, dass das Kopftuch ein Teil ihrer Kleidung ist. Nicht das Kopftuch selbst ist religiöse Pflicht. Aber die Religion verlangt von den Menschen, der Islam verlangt von Männern und Frauen gleichermaßen, sich zu bekleiden. Jeder Mensch soll bekleidet sein. Und es gibt diejenigen die ein Minimum davon und diejenigen, die ein Maximum für richtig halten. Und eine Frau ist eben mit einem Maximum bekleidet, mit Kopftuch. Mehr zu verlangen, wäre extrem. Deswegen sage ich, Burka ist extrem. Aber, wenn eine Frau, die ein Kopftuch trägt, davon überzeugt ist, dass das ein Teil ihrer Kleidung ist, dann darf man ihr das doch nicht verbieten. Da muss es mehr Aufklärung geben. Wenn die Politik von muslimischen Lehrerinnen verlangt, kein Kopftuch zu tragen, ist das genauso, zu verlangen keinen Rock zu tragen. Ich kann nicht mit Shorts in die Schule gehen. Ich muss die Beine bekleiden. Und Kopftuch ist ein Teil der Kleidung für diejenigen Frauen, die das so sehen. Das ist dann, nach meinem Verständnis, durchaus ein Angriff auf die Religionsfreiheit, so etwas zu erzwingen. Auch unter dem Vorwand, es sei ein politisches Symbol, ist das falsch. Aber letztendlich, leben wir, Gott sei Dank, in einer Demokratie. Und ein Minister oder ein Politiker kann so etwas nicht von sich aus verbieten. Es gibt ein Parlament hier und die Abgeordneten können ihre unterschiedliche Meinung dazu äußern und abstimmen. Und wenn die Mehrheit sagt, wir verbieten das Kopftuch, dann würde ich als Bürger, auch wenn ich es für falsch halte, dann würde ich das respektieren. Wenn eine Frau dann eine Lehrerin wäre, dann müsste sie sich eben entscheiden, ob sie als Lehrerin an der Schule bleiben wollte – dann müsste sie das Kopftuch weglassen, weil sie jedenfalls die Gesetze respektieren muss.

Als abschließende Frage: Wie sehen Sie allgemein die Stellung der Religionsfreiheit in Bayern? Sie haben vorhin kurz gesagt, Sie halten die Religionsfreiheit in Deutschland für stark. Wie würden sie dies nun abschließend für Bayern bewerten?

Es gab bisher noch keine schwere Herausforderung für die Muslime hier, sich mit den staatlichen Behörden über Religionsfreiheit auseinanderzusetzen. Daher ist es sehr schwer zu bewerten, inwieweit Religionsfreiheit hier stark ist oder nicht. Vielleicht wird es einmal eine Gelegenheit geben, darüber zu sprechen, aber jetzt, insgesamt, meine ich, dass es mit der Religionsfreiheit in Bayern gut bestellt ist.

Vielen Dank!

Bitte!

Liebe Mitglieder der Islamischen Gemeinde Penzberg,

es fällt uns schwer den persönlichen Kontakt mit Euch zu unterlassen. Es tut auch weh die Moschee einsam und verlassen zu sehen. Doch wir leben in einer Zeit, die diese Maßnahmen erfordern. Alle unsere religiösen Pflichten können wir auch als Einzelne zu Hause verrichten. Wir können einzeln oder mit unserer Familie beten, einen Fastentag einlegen, Spenden über Online-Banking tätigen oder dem nächsten Nachbarn helfen. Und vor allem in Gebeten uns geistig verbinden.

Folgende aktualisierte Regelungen gelten für die Moschee:

Wir sehen uns in der Verantwortung den Gebetsraum zu schließen, da der Teppich den Virus weiter übertragen kann!

Die tägliche Gemeinschaftsgebete und Freitagsgebete sind bis auf Weiteres ausgesetzt.

Bitte habt Verständnis dafür, dass wir Nikah/Eheschließungen ebenso aussetzen müssen.

Auch alle anderen Aktivitäten finden auf unbestimmte Zeit nicht statt.

Ein besonderes Anliegen ist uns die Solidarität mit alleinstehenden Menschen, mit Kranken und älteren Personen, die sich eine Selbstversorgung nicht einrichten können. Zusammen mit der Stadt Penzberg und den beiden Kirchen haben wir uns entschieden diesen Menschen eine konkrete Hilfe anzubieten. Aus unserer Gemeinde haben sich 25 Jugendliche bereit erklärt diese Aufgaben auszuführen!

Wenn Ihr Hilfe benötigt oder jemanden kennt der Hilfe benötigt, meldet Euch dazu entweder bei der

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ersten Bürgermeisterin Elke Zehetner unter der Telefonnummer 08856/813103 oder per Mail an elke.zehetner@penzberg.de, oder auch bei

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Imam Benjamin Idriz unter der Mobilnummer 0171/5194017 oder dem

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Vorsitzenden Bayram Yerli unter der Mobilnummer 0170/5252403.

Natürlich stehen Euch der Imam, der Vorsitzende und der gesamte Vorstand auch zu anderen Fragen/Anregungen und jedweder Unterstützung bereit.

Wir bitten Euch um mehr als Verständnis. Wir bitten Euch verantwortlich zu handeln. Wenn unsere staatlichen Behörden und führende medizinische Einrichtungen dazu auffordern möglichst zu Hause zu bleiben, macht es bitte!

Nutzen wird diese Zeit für Itikaf, für die Stärkung unseres Imans und vertrauen wir auf Allah dem Höchsten!

In Frieden und Verbundenheit,

Eure Islamische Gemeinde Penzberg e.V.