60 Jahre Deutschland

22. Mai 2009Freitagspredigt, Publikationen

Eine Botschaft an die Muslime in Deutschland

Von Imam Benjamin Idriz

Freitagspredigt Imam Idriz: 60 Jahre Deutschland
IGP Freitagspredigt: 60 Jahre Deutschland

يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُم مِّن ذَكَرٍ وَأُنثَى وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوبًا وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا

O Menschen! Siehe, wir haben euch alle aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und haben euch zu Nationen und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander kennenlernen möget. (Koran 49:13)

Liebe Geschwister,

Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Mit seinem Inkrafttreten war die Bundesrepublik Deutschland gegründet. 60 Jahre sind seitdem vergangen. Nach dem Ende der Diktatur des Nationalsozialismus, begann in Deutschland eine neue Ära. In kurzer Zeit wurde die Bundesrepublik durch ihre erfolgreiche Wirtschaft und beispielhafte Demokratie eines der angesehensten Länder in der Welt. Alle ihre Bürger, und auch die so genannten Gastarbeiter, haben zu dieser Entwicklung beigetragen und dürfen heute stolz darauf sein.

Die ersten muslimischen Arbeiter kamen 1961 nach Deutschland und verhalfen der Wirtschaft dieses Landes zu weiterem Aufschwung. Damit legten sie erste Mosaiksteinchen für ein Deutschland mit dauerhaft hier lebenden Muslimen. Die Pläne dieser Menschen, nach kurzer Zeit wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren, gingen in vielen Fällen nicht auf. Sie blieben!

Der wohl immer noch größte Teil dieser Migranten lebt zwar mit einem Bein an ihrem neuen Wohnort, mit dem anderen aber weiterhin in ihrem Geburtsland. Physisch befinden sie sich in den Ländern, in denen sie jetzt leben und arbeiten, mit ihren Gedanken und Empfindungen sind viele von ihnen dort geblieben, wo sie geboren wurden und aufgewachsen sind. Häufig stammen solche Muslime, die die große Mehrheit der ersten und oft auch noch zweiten Generation der Muslime in Westeuropa umfassen, aus ländlichen Regionen der Herkunftsländer oder aus dem Arbeitermilieu, mit entsprechend niedrigem Bildungsstand. Durch sowohl eigene, wie auch staatliche und gesellschaftliche Versäumnisse bedingt, haben diese Kreise bis heute die größten Schwierigkeiten, wirklich heimisch zu werden. Nachdem sie zu einem erheblichen Teil zum wirtschaftlichen Erfolg und steigenden Wohlstand Deutschlands beigetragen haben und nun eigentlich ein geruhsames Rentnerdasein genießen sollten, fehlt es weitgehend an geeigneter Betreuung.

Und heute?
Es wächst in Deutschland eine neue Generation heran, die sich selbst als „europäische Muslime“ definiert. Sie verlinkt die Kulturen, verbindet den Islam und die Moderne, arbeitet konstruktiv und an Weltmaßstäben orientiert. Sie will der Gemeinschaft, dem Land, ja der Menschheit insgesamt dienlich sein. Die neue Generation von Muslimen ist Träger einer neuen Identität. Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat, uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit, Pluralismus des Denkens, der Religionen, Sprachen und Ethnien, Sicherheit des Einzelnen wie des Landes, Bildung und Erziehung, Toleranz und Vertrauen innerhalb der Gesellschaft, Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen den Individuen, Bewahrung der Schöpfung sind eben Grundwerte auch für die Muslime in Deutschland.

Und nun ist Deutschland für diese Generation der Muslime zu ihrer Heimat geworden.

Liebe Gemeinde,

Anstatt in Kategorien von „Wir“ und „die Anderen“ zu denken, muss uns die sich immer rasanter entwickelnde und vernetzte Welt als von Gott zu Gunsten der gesamten Menschheit geschaffenes „gemeinsames Erbe“ gelten.

وَلِلَّهِ ٱلۡمَشۡرِقُ وَٱلۡمَغۡرِبُ‌ۚ فَأَيۡنَمَا تُوَلُّواْ فَثَمَّ وَجۡهُ ٱللَّهِ‌ۚ

„Gottes ist der Osten und der Westen: und wohin immer ihr euch wendet, dort ist Gottes Antlitz“ (Koran 2:115)

so und ähnlich wendet sich der Koran an elf Stellen gegen die Polarisierung der Welt in konkurrierende Blöcke. Überall wo Muslime leben, sind sie aufgefordert, gemeinsam mit allen Bürgern in gegenseitigem Vertrauen an der Entwicklung des jeweiligen Landes zu arbeiten. Darum ist der Mensch, gemäß dem Islam, erschaffen worden: damit er die Erde gestaltet, bebaut, entwickelt, sie schützt und für Sicherheit sorgt.

ُوَ أَنشَأَكُم مِّنَ ٱلۡأَرۡضِ وَٱسۡتَعۡمَرَكُمۡ فِيہَا

„Er (Gott) hat euch aus der Erde ins Dasein gebracht und euch darauf gedeihen lassen.“ (Koran 11:61)

Der Muslim, welcher nach seinem Glück strebt, ist verpflichtet, konstruktiv und produktiv zu sein und nur Gutes zu tun, wo immer er sich befindet. Im Koran heißt es:

ُوافعلوا الخير لعلكم تفلحون

“Tut Gutes, auf dass ihr einen glückseligen Zustand erlangen möget!“ (Koran 22:77)

Diese Glaubensprinzipien sind heute mehr denn je unverzichtbar. Muslime in Deutschland müssen mit ihren Händen arbeiten, aber ebenso mit Herz und Kopf für dieses Land einstehen, nicht nur aus bürgerlicher Verpflichtung heraus, sondern auch aus religiösem Selbstverständnis. Dazu gehört, dass wir die Geschichte, Kultur, Traditionen, die Sprache, die staatliche und gesellschaftliche Ordnung, die typischen Eigenschaften des Landes kennen und vertreten.

Dazu gehört weiter, dass wir es als unsere religiöse, menschliche und nationale Aufgabe betrachten, in gegenseitiger Achtung gemeinsam mit der Gesellschaft und den entsprechenden Institutionen des Landes gegen un- und anti-demokratische Entwicklungen, gegen mangelnde Bildung, moralische Wertelosigkeit, Rassismus, Intoleranz, Gewalt, Extremismus, Hass gegen Juden, Christen oder Muslime vorgehen.

Wir als muslimische und nichtmuslimische Bürger sind verpflichtet, dieses Land gemeinsam zu beschützen und zu erhalten für unsere Nachkommen. Und nur durch gegenseitigen Respekt können wir unsere Zukunft auf den Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit aufbauen. Wir schließen uns dem Gebet des Gesandten Abraham aus dem Koran an:

ُرَبِّ ٱجۡعَلۡ هَـٰذَا بَلَدًا ءَامِنً۬ا وَٱرۡزُقۡ أَهۡلَهُ ۥ مِنَ ٱلثَّمَرَٲتِ

„O mein Erhalter! Mache dies zu einem sicheren Land und gewähre seinen Leuten fruchtbare Versorgung!“ (Koran 2:126)

Ich bitte Dich Gott!

Lehre uns, Dich und das von Dir erschaffene höchste Geschöpf, den Menschen, ein Leben lang zu ehren und zu lieben.

Barmherziger Gott,
schenke uns die Hingabe Abrahams, wenn wir uns verlassen fühlen, den Mut und die Gerechtigkeit Moses, wenn wir Angst verspüren, die Liebe Jesu, wenn uns mit Hass begegnet wird und den Frieden Muhammeds, wenn wir zerstritten sind!

O Herr,
mache, dass Friede an Stelle der Kriege tritt und Sicherheit und Freiheit im Leben aller Menschen einen Platz bekommen! Bestärke uns im Glauben, dass Liebe, Wahrheit und Gewaltlosigkeit letztlich größere Macht haben als Hass, Rache und Gewalt, und festige uns in der Hoffnung, dass unsere Arbeit und unser Ringen um Frieden nicht vergeblich sind!

Gott, außer dem es keinen anderen gibt,
hilf den Muslimen zu verstehen, dass sie mit ihrer Integration in die hiesige Gesellschaft Deinen Rat des guten Handelns befolgen! Führe Sie von dem falschen Verständnis weg, dass Integrationsforderungen mit Assimilation gleichzusetzen wären!
Gib der deutschen Gesellschaft und uns allen die Einsicht, dass Muslime weder Last noch Gefahr sind, sondern Vielfalt in Deiner Einheit und eine Bereicherung für dieses Land! Lass uns nicht länger Fremde in der Fremde sein!
Stärke in uns allen die Verbundenheit zu diesem Land, den Respekt zu einander, lass uns zum gegenseitigen Nutzen voneinander lernen, und lass uns das Nebeneinanderher überwinden!
Begleite uns in unseren Begegnungen und Gesprächen und mach uns frei von Misstrauen und Vorurteilen! Lass uns dies zu teil werden!
Gib uns die Kraft, für ein friedliches Miteinander einzutreten, und zeige uns den Weg zum Verstand und zu den Herzen der Menschen! Verschließe die Tür der Voreingenommenheit und der Vorurteile, die uns unterwegs zum Dialog und zum Miteinander im Wege stehen! Befähige uns, Böses mit Gutem zu erwidern, so wie es die Schüler Deines Propheten Jesus einst lehrten: „Sehet zu, dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergilt, sondern bemüht euch immer, einander und allen Gutes zu tun!“ (1. Thessalonicher 5:15)

Barmherziger Gott,
auch wenn wir Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Hass erfahren sollten, führe uns auf dem Weg der Vernunft, der Weisheit und der Versöhnung! Gib denjenigen keine Chance, die die Saat ihres Hasses verbreiten wollen!
So mache Europa zu einer Stätte der Sicherheit und der Ruhe, lass nie wieder Menschen die Erfahrung des Holocaust, des Genozids von Srebrenica oder von Terroranschlägen erleiden! Bewahre uns vor Armut, Krankheit und Umweltkatastrophen!
Lass uns auch hier weiterhin in Frieden leben,beschütze unser Land vor Rassismus, Gewalt und Terror! Wie dein großer Prophet Abraham betete: „Herr, mache diesen Ort zu einer Stätte der Sicherheit und des Friedens!“ (Koran 14:35)

Amin!

Freitagspredigt Imam Idriz: 60 Jahre Deutschland

Liebe Mitglieder der Islamischen Gemeinde Penzberg,

es fällt uns schwer den persönlichen Kontakt mit Euch zu unterlassen. Es tut auch weh die Moschee einsam und verlassen zu sehen. Doch wir leben in einer Zeit, die diese Maßnahmen erfordern. Alle unsere religiösen Pflichten können wir auch als Einzelne zu Hause verrichten. Wir können einzeln oder mit unserer Familie beten, einen Fastentag einlegen, Spenden über Online-Banking tätigen oder dem nächsten Nachbarn helfen. Und vor allem in Gebeten uns geistig verbinden.

Folgende aktualisierte Regelungen gelten für die Moschee:

Wir sehen uns in der Verantwortung den Gebetsraum zu schließen, da der Teppich den Virus weiter übertragen kann!

Die tägliche Gemeinschaftsgebete und Freitagsgebete sind bis auf Weiteres ausgesetzt.

Bitte habt Verständnis dafür, dass wir Nikah/Eheschließungen ebenso aussetzen müssen.

Auch alle anderen Aktivitäten finden auf unbestimmte Zeit nicht statt.

Ein besonderes Anliegen ist uns die Solidarität mit alleinstehenden Menschen, mit Kranken und älteren Personen, die sich eine Selbstversorgung nicht einrichten können. Zusammen mit der Stadt Penzberg und den beiden Kirchen haben wir uns entschieden diesen Menschen eine konkrete Hilfe anzubieten. Aus unserer Gemeinde haben sich 25 Jugendliche bereit erklärt diese Aufgaben auszuführen!

Wenn Ihr Hilfe benötigt oder jemanden kennt der Hilfe benötigt, meldet Euch dazu entweder bei der

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ersten Bürgermeisterin Elke Zehetner unter der Telefonnummer 08856/813103 oder per Mail an elke.zehetner@penzberg.de, oder auch bei

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Imam Benjamin Idriz unter der Mobilnummer 0171/5194017 oder dem

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Vorsitzenden Bayram Yerli unter der Mobilnummer 0170/5252403.

Natürlich stehen Euch der Imam, der Vorsitzende und der gesamte Vorstand auch zu anderen Fragen/Anregungen und jedweder Unterstützung bereit.

Wir bitten Euch um mehr als Verständnis. Wir bitten Euch verantwortlich zu handeln. Wenn unsere staatlichen Behörden und führende medizinische Einrichtungen dazu auffordern möglichst zu Hause zu bleiben, macht es bitte!

Nutzen wird diese Zeit für Itikaf, für die Stärkung unseres Imans und vertrauen wir auf Allah dem Höchsten!

In Frieden und Verbundenheit,

Eure Islamische Gemeinde Penzberg e.V.