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Der Islam ist integrierbar

9. Nov 2010 | Allgemein

Interview: J. Patzig und W. Schörne mit Imam Idriz

Foto: merkur.de

Benjamin Idriz im Interview mit Johannes Patzig und Wolfgang Schörner
Münchner Merkur Nr. 259 | 9. November 2010
Quelle PDF Ansicht: randomhouse.de

Grüß Gott, Herr Imam!
Ein herzliches Grüß Gott!

In Ihrem Buch schreiben Sie viel darüber, wie sich Muslime hierzulande verhalten sollen. Sollte ein Muslim in Bayern eine Lederhose haben?
(lacht) Bayerische Kleidung widerspricht nicht dem islamischen Geist – im Gegenteil! Wenn ich Frauen im Dirndl sehe, dann ist das der typischen Kleidung muslimischer Frauen näher als vieles andere. Ich habe kürzlich mit einem Trachtenmode-Designer gesprochen. Ich habe ihn gebeten, mir einen passenden bayerischen Imam-Trachtenanzug zu entwerfen.

Sie stellen ja gleich im ersten Kapitel sehr deutliche Forderungen an Muslime: Sie müssen grundgesetztreu und voll integriert sein, aber auch Müll trennen und nicht zu laut Musik hören!
Es war mir sehr wichtig, ganz konkrete Anforderungen zu formulieren: Wie soll sich ein ideal integrierter Muslim verhalten? Alles, was ich fordere, ist aber konform mit dem Islam. Ein Muslim muss als Schüler fleißig, als Arbeiter aufrichtig sei, als Bürger die Gesetze des Landes achten und sich in seinem sozialen Umfeld engagieren. Ich bin gespannt auf die Reaktionen der Muslime.

Islamkritiker sagen, die Normen des Islam seien unvereinbar mit dem Grundgesetz und Muslime daher nicht integrierbar.
Dieses Vorurteil ist weit verbreitet. Es gibt aber auch den Ruf nach islamischen Theologen, die erklären, wie Islam und westlicher Rechtsstaat zusammenpassen. In meinem Buch versuche ich, das zu tun. Der Islam ist integrierbar. Alles, was er fordert, ist mit dem Grundgesetz vereinbar.

Wie vermitteln Sie das den Islamkritikern?
Ich sage ihnen, dass der Islam kein starres Gebilde ist. Er kann sich modernen Gesellschaften anpassen. 90 Prozent der islamischen Lehre sind flexibel und zeitgemäß interpretierbar. Nur einige grundlegende Dinge sind festgelegt – Werte wie Barmherzigkeit und Gebote wie z.B. das fünfmalige Beten am Tag.

Blickt man auf die Entwicklung mancher muslimischer Staaten, bekommt man nicht gerade den Eindruck, sie seien flexibel…
Tatsache ist, dass die Religion schon kurz nach dem Tod Muhammads für politische Zwecke missbraucht worden ist. In dieser Zeit ist bei Muslimen sehr viel schiefgelaufen, erstarrte Regelwerke sind entstanden. Jetzt ist es die Aufgabe muslimischer Intellektueller, dies zu korrigieren.

Der Islam befand sich also über mehr als 1000 Jahre auf dem Irrweg?
In gewisser Hinsicht ist das so, leider. Über Jahrhunderte hinweg gab es das, was man heute „Gottesstaaten“ nennen würde – dabei ist ein Gottesstaat mit dem Islam unvereinbar, auch wenn noch so oft das Gegenteil behauptet wird. Im Islam ist eigentlich eine Trennung von Staat und Religion angelegt. Muhammad wurde von Gott nie als politischer Führer bezeichnet, sondern immer als Gottes Gesandter. Ich sage deshalb zu Muslimen: Richtet euch im Gebet nach Mekka – aber in der Politik nach Berlin und Brüssel.

Müssen sich Muslime dann nicht von der Scharia, dem islamischen Gesetz, distanzieren?
Die Scharia ist kein zeitloses Gesetz Gottes, sondern das Ergebnis von Auslegungen durch Menschen, die auf jeweilige kulturelle und historische Umstände bezogen sind. Ich distanziere mich entschieden von Auslegungen, die Menschenrechte mit Füßen treten. Der Begriff Scharia wird heute auf beiden Seiten immer wieder instrumentalisiert um feindselige Stimmungen anzuheizen.

In manchen Ländern gibt es bis heute Steinigungen – und die Richter berufen sich auf die Scharia.
So ein primitives Verständnis von Scharia hat im 21. Jahrhundert nichts verloren.

Kann es hierzulande neben dem Grundgesetz ein zweites Regelwerk wie die Scharia geben?
Nein. Die Vorstellung eines Parallelgesetzes widerspricht meinem Islamverständnis. Es wäre falsch, die Scharia hier als Parallelgesetz zu etablieren, jetzt oder in der Zukunft.

Dennoch fordern Sie einen „Fatwa-Rat“ für Deutschland – also ein Gremium, das Fatwas, islamische Rechtsgutachten, erstellt. Wäre das keine Parallelinstanz?
Eine „Fatwa“ ist eine religiöse Empfehlung, das hat nichts mit Politik zu tun. Wir haben das Problem, dass manche Muslime hierzulande oft den Fatwas und religiösen Interpretationen aus anderen Ländern folgen. Wäre es da nicht besser, einen Fatwa-Rat mit Islam-Wissenschaftlern in Deutschland zu etablieren?

Worüber würde so ein Fatwa-Rat urteilen?
Ein Beispiel: Gelatine wird aus Knochen von Schweinen hergestellt. Ein Mufti in Saudi-Arabien würde Muslimen da vielleicht verbieten, Gelatine zu essen! Aber wenn islamische Gelehrte hier sich damit vernünftig auseinandersetzen, könnten sie entscheiden, dass es Unsinn ist, Muslimen Gelatine zu verbieten.

In Dublin wurde ein europäischer Fatwa-Rat gegründet. Dessen Vorsitzender, Yusuf Qaradawi, legitimierte Selbstmordattentate von Palästinensern…
Ich habe ihm daraufhin einen Brief geschrieben, dass diese Fatwa meines Erachtens dem Islam widerspricht. Der Rat hat Qaradawis Position in dieser Sache auch nicht übernommen. Und der Rat hat auch sehr vernünftige Fatwas herausgegeben.

Auch im Koran gibt es Passagen, die Muslime zum Kampf gegen Nicht-Muslime auffordern.
Der Koran fordert nicht pauschal den Kampf gegen Nichtmuslime, sondern gegen Aggressoren vorzugehen. Die gemeinten Verse sind im Kontext des 7. Jahrhunderts zu sehen und nicht buchstäblich als zeitlose Weisungen zu verstehen. Muslime in Europa sollten sich nicht an ihnen orientieren.

Ist der Koran denn nicht verbindlich? Kann ein Muslim auswählen, was ihm gefällt und was nicht?
Ein Vers kann nicht aus dem Koran gestrichen werden. Die Bibel wird ja auch nicht verändert. Aber nicht alle Verse enthalten Weisungen, die für alle Zeiten gültig wären.

Man darf den Koran also interpretieren?
Natürlich. Genau das fordere ich. Man darf ihn nicht Wort für Wort dogmatisieren. Es geht doch nicht nur darum, was Gott im Koran sagt, sondern vor allem darum, was Gott damit meint. Gott hat den Menschen Vernunft gegeben, um den Koran in jeder Zeit neu zu interpretieren. Eine Schrift, die nicht mehr interpretiert werden könnte oder dürfte, wäre tot, doch der Koran ist ein lebendiges Buch.

Was Sie sagen, klingt fortschrittlich. Aber Ihnen ist auch vorgeworfen worden, Sie würden „Taqiyya“ betreiben – also Nichtmuslime über ihre wahren Ansichten hinwegtäuschen.
Jetzt kolportieren Sie selbst ein verbreitetes Vorurteil. Es ist eine schwere Anschuldigung gegen Muslime, dass sie sich verstellen und lügen würden. Ich denke, die beste Antwort auf solche Vorurteile ist eben mein Buch. Ein Buch unter meinem Namen, in dem ich alles begründe, was ich denke, kann keine so genannte „Taqiyya“ sein. Das Buch ist auch eine Antwort an den Verfassungsschutz, der unsere islamische Gemeinde stigmatisiert hat, obwohl wir seit Jahren einen völlig verfassungskonformen Islam leben und lehren. So ein Vorgehen der Behörden schürt gerade den Extremismus. Und es hat die Glaubwürdigkeit der Behörde in den Augen vieler massiv in Frage gestellt. Es ist höchste Zeit, zu sachlicher Kooperation zurückzukehren und diesen unsinnigen Streit zu beenden.

In ihrem Buch warnen Sie vor anti-islamischer Hetze. Sie vergleichen sie sogar mit dem Antisemitismus vergangener Jahre.
Nein, ich möchte das nicht vergleichen. Ich will nur warnen: Wie man in der Vergangenheit mit religiösen Minderheiten umgegangen ist, darf sich nicht wiederholen, nirgendwo und gegen niemanden.

Sie schreiben aber auch zornig über Muslime. Im Umgang mit Frauen werfen sie vielen „steinzeitliches Denken“ vor.
Man muss das nicht schönreden: In vielen muslimischen Köpfen existiert ein Frauenbild, das ich als Mensch und als Imam nicht akzeptieren kann. Ich versuche, dagegen zu kämpfen und für Gleichberechtigung einzutreten.

Gehört das Kopftuch dann auch abgeschafft?
Das Kopftuch ist kein Dogma im Islam. Nur die Frau selbst hat zu entscheiden, ob sie Kopftuch trägt oder nicht. Weder ein Imam noch der Staat noch die Familie dürfen eine Frau zum Kopftuch zwingen. Ich halte es deshalb auch für falsch, schon kleine Mädchen mit Kopftuch in die Schule zu schicken.

Heißt das, eine Frau kann auch ohne Kopftuch eine gute Muslimin sein?
Genau. Der Charakter einer Frau wie eines Mannes und ihr oder sein Gottesbewusstsein sind das Maß für Religiosität, nicht bloß ein Stück Stoff.

Dürfte sie auch kurze Röcke und Blusen mit tiefem Ausschnitt tragen?
Niemand dürfte es ihr verbieten, das liegt in ihrer individuellen Freiheit. Aber: Der Islam verlangt von allen Menschen, sich zu bedecken. Er ist gegen eine Nacktkultur.

Gilt das auch für Männer?
Absolut! Das ist ja gerade die Doppelmoral in manchen Ländern, in denen man muslimische Männer in Shorts sieht und neben ihnen ihre Frauen völlig verschleiert sind. Ich verstehe den Islam so, dass Frau und Mann ihren Körper gleichermaßen bedecken sollen.

Burkas lehnen Sie in Ihrem Buch aber ab.
Ja, Burka und die totale Verschleierung des Gesichts widersprechen der Menschenwürde – und sind damit nach meinem Verständnis ein Verstoß gegen den Islam.

Glauben Sie wirklich, dass viele Muslime da ihrer Meinung sind?
Eine Mehrheit der Muslime in Deutschland ist für ein zeitgemäßes Islamverständnis. Viele Muslime sind begeistert von unserer Arbeit.

Einige Muslime werden damit aber nicht einverstanden sein.
Mag sein. Ich habe versucht, mit meinem Buch die muslimische Bevölkerung auch aufzurütteln. Muslimische Organisationen mögen sich von meinem Buch herausgefordert fühlen – damit wäre schon etwas erreicht. Und wenn sich Extremisten und sicherlich auch Islamhasser davon provoziert fühlen, dann löst das ja vielleicht bei dem einen oder anderen einen längst fälligen Denkprozess aus.

Haben Sie keine Angst vor Gewalt von Islamisten?
Nein, nicht in Deutschland. Wir leben ja zum Glück in einem Rechtsstaat. Wir haben Polizei und Verfassungsschutz. Und schließlich glaube ich fest an Gott. Ich habe keine Angst. Möge er uns alle schützen!